Treu-doof

Foto: Marco Verch / flickr

Foto: Marco Verch / flickr

Die BILD machte gestern mit einer, wie ich finde, ungewöhnlich nachdenklichen Story als Schlagzeile auf.

SEIT WANN IST TREUE OUT?
In der Liebe, im Beruf, unter Freunden: Kann man sich auf nichts mehr verlassen?

Im Grunde genommen ist es eher ein Plädoyer für mehr Verbindlichkeit, als ein normaler Artikel. In dem Text heißt es:

Ist Treue überhaupt noch zeitgemäß? Das, was uns von den Generationen vor uns unterscheidet, ist doch vor allem: die unendlichen Möglichkeiten! Die Auswahl! Wenn die Kassiererin im Supermarkt fragt, ob man „Treueherzen“ sammelt, sagen nur die „Uncoolen“ Ja. Der moderne Mensch ist allenfalls seinem Handy treu. Android oder iPhone. Ansonsten gilt: Wir lassen uns nicht binden! (…) Treue, das galt früher als Tugend. Heute hat es eher den Klang von: „treudoof“. Wer nach fünf Jahren immer noch in derselben Firma ist, gilt als arme Wurst.

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Damit treffen die BILD-Leute einen Nerv, nämlich meinen. Das Leben ist unverbindlicher geworden, ich schließ mich da gar nicht aus. Jobs langweiligen mich nach ner Weile, auch die Stadt in der ich lebe. Binden? Äh… lieber nicht. Erstmal sehen. Und damit meint man meist, erstmal anderen Optionen zu checken. Und vom ganzen Optionen checken verliert man die eigentliche Entscheidung aus den Augen. So hangelt man sich von Option zu Option. Das geht auch ne ganze Weile gut, bei manchen vielleicht sogar das ganze Leben lang.

In dem Beitrag wird auch eine Expertin dazu befragt.

„Kein moderner Mensch gibt zu, dass er sich nach Treue und Bindung sehnt“, sagt die Autorin Birgit Ehrenberg („Die Mami-Falle“), „in Wirklichkeit tun wir das alle, gerade in diesen Zeiten der Unsicherheit und Unverbindlichkeit.“ Warum gestehen wir uns diese Sehnsucht nicht ein? Ehrenberg: „Weil wir stark erscheinen wollen. Keiner soll merken, dass man jemanden braucht und dass man gebraucht werden will. Treue ist das Gegenteil von Egoismus.“

Ein Bekannter von mir hat das mal in einem Artikel unter der Überschrift „Generation Maybe“ zusammengefasst. Im Text heißt es:

Es sind der Möglichkeiten zu viele, so scheint es. Wir haben vergessen, wie man Entscheidungen trifft. Und wir haben es uns in unserer Unentschlossenheit bequem gemacht.

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Was könnte man denn alles verpassen, wenn man sich treu bindet? Man legt sich auf einen Partner fest und verliert damit die Möglichkeit, andere, vielleicht sogar bessere, zu entdecken. Wenn man erst einmal „vom Markt“ ist, fokussiert man sich auf die eine Person. Und ist das so schlimm? Es gibt Menschen, die lernen mit meinetwegen 16 ihren Partner fürs Leben kennen. Sie haben nie mit jemand anderem geschlafen. Manch einer würde sagen: „Oh, wie romantisch“. Und ein anderer: „Oh, meine Gott, was für eine Verschwendung.“

Kommen wir zur Freundschaft, ein Bereich, bei dem diese Angelegenheit – wie ich finde – noch dramatischer ist. Jeder braucht mindestens einen guten Freund. Doch auch hier gibt es viele, die sich nicht festlegen wollen. Party gern, gern mal was machen. Aber eine Freundschaft ist auch immer ein Investment, was über materielle Geburtstagsgeschenke und Partybegleitung hinausgeht. Sie muss gepflegt werden. Es muss etwas hineingebuttert werden, um etwas zurückzubekommen.

An eine Freundschaft sind auch immer ein paar Erwartungen gekoppelt. Und da liegt das Problem, mit diesen Erwartungen können viele nicht gut umgehen. Dabei sind es keine riesigen Erwartungen, eher Dinge wie Aufmerksamkeit, Interesse und für einander da sein, wenn es der andere braucht.

Da gibt es dann Situationen wie diese hier:

„Du, ich bin gerade in der Stadt, wollen wir was zusammen machen?“
„Nee, ich bin schon mit meinen Leuten von der Uni unterwegs.“

Löblich, dass sich Person 2 an seine Verabredungen hält und nicht absagt. Auch irgendwie treu. Doch dafür steht Person 1, der wahrscheinlich engere Freund, allein da, die Person, die offensichtlich nicht oft in der Stadt ist. Was hätte man tun können? Mit beiden weggehen. Das ist das, was ich mit Erwartungen meine, die man an Freunde hat – und die dann auch zu Überforderung führen können.

Treu sein ist eben auch anstrengend. Vielleicht ist das das Problem. Neulich erzählte mir jemand, er hätte Angst, durch eine Beziehung, seine Freiheit zu verlieren. Das Fazit des BILD-Artikels klingt etwas schwulstig, trifft es aber auf den Punkt:

Die Würde, die Selbstachtung erwächst aus dem Vermögen, sich selbst zu etwas verpflichten zu können – und dabei dann zu bleiben. Egal ob es eine Überzeugung, ein Mensch, ein Geschäft, ein Versprechen ist. Wir verraten, bevor wir jemand anders verraten, immer erst uns selbst.

Ist Treu sein out? An den entscheidenden Stellen hoffentlich nicht.

HachikoZum Abschluss die für mich schönste Geschichte von Treue: die vom Hund Hachiko. Er lebte in den 1920er-Jahren in Japan und holte sein Herrchen, einen Professor, jeden Tag pünktlich vom Bahnhof ab. Eines Tages starb der Professor in der Uni. Und was macht Hachiko? Er wartet jeden Tag, bei Wind und Wetter, zur gleichen Zeit an der gleichen Stelle auf sein Herrchen. Neun Jahre lang, bis zu seinem Tod.

Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2009 mit Richard Gere. Aber sie ist wahr.

Vielleicht ist bei Hunden ja Treue cool? Bei mir jedenfalls auch noch.

American Dortmund-Sieg at Champions League

Route 66 Diner

Route 66 Diner

Mein Freund Micha kommt wie ich von der Küste. Obwohl wir inzwischen beide in Berlin leben, haben wir uns lange nicht mehr gesehen. Also haben wir uns − relativ spontan, denn das klappt bei uns am besten − auf dem Kudamm verabredet. Ganz in der Nähe haben wir den Diner „Route 66“ entdeckt.

Michas klare Ansage war: „Fleeeisch!“

Kluge Entscheidung. Das Restaurant war genau nach unserem Geschmack. Klischeehaft amerikanisch, tolles Essen und wir haben uns genau vor einem großen Fernseher gesetzt. Was wir bis dahin noch nicht auf dem Schirm hatten: Hier wird später die Champions League übertragen: BVB Dortmund gegen Mala!

Kurze Zeit später wurde es da übelst voll. Wir hatten ja unsere Plätze und lecker zum Mampfen. Und wer hätte ahnen können, dass das Spiel sich in der Nachspielzeit noch so wendet?

Am Nebentisch saß ein Typ mit seiner Freundin. Nach der 90. Minute ging ER raus zum Rauchen (in dem Glauben, die Dortmunder fliegen mit 1:2 raus), während SIE weiterhin das Spiel verfolgte. Tja, durch die Scheibe konnte er dann die ganze Diners-Bar erst beim 2:2 und dann 3:2 jubeln sehen.

Ein schwarz-gelber Abend in einem rot-blau-weißen Ambiente. Wiederholungspflichtig!